Ich weiss nicht mehr, wie oder wo ich darüber gestolpert bin. „Integrierte Informationsarchitektur. Die erfolgreiche Konzeption professioneller Websites“ heißt ein im Springer Verlag in der Reihe X.media.press erschienenes Buch von Henrik Arndt. Solche Titel machen mich eigentlich sehr skeptisch, weil sie zu erfolgsversprechend klingen. So ähnlich wie „nie wieder Auto putzen“ für diverse Lackzusätze am Auto. Bei denen frage ich mich immer, warum die noch kein Autohersteller als Zusatzoption bei der Bestellung eines Neuwagens anbietet, wenn sie doch so super sind. Die könnten doch damit bestimmt Geld verdienen, wenn das funktionieren würde.

Zurück zum Buch. In seinem Untertitel verspricht Autor Henrik Arndt sehr viel. Ich kann noch nicht das gesamte Buch beurteilen, weil ich noch nicht durch bin. Vom Stil her scheint es eine Doktorarbeit zu sein (Theorieteil am Anfang, viele Quellen, 300 Seiten), das Inhaltsverzeichnis läßt eine sehr strukturierte Hervorgehensweise erkennen. Ich habe das erste Kapitel „Denken“ mit höchster Aufmerksamkeit gelesen. Henrik Arndt legt darin die psychologischen und designtheoretischen Grundsätze für sein Thema – nach 70 Seiten fühle ich mich, als hätte ich ein halbes Psychologie- und Designstudium hinter mir.

Drei Grundgedanken aus dem Kapitel „Denken“ möchte ich kurz wiedergeben, weil sie mir _sehr_ als sinnvolle als Gedankenbasis bei der Konzeption von Webseiten erscheinen:

  1. Basis des Erfolgs ist die Funktion. In der Designtheorie ist entspricht das den funktionalen Gestaltungsprinzipien Die Gute Form/Bel Design/Bauhaus. Es geht den Designern darum, die den Zweck eines Objekts in den Vordergrund stellen. Erfolgreiches Pendant in der Onlinewelt: Google. Sinn der Suchmaschine ist es, Informationen zu finden und zugänglich zu machen. Damit das funktioniert, braucht es nicht viel Trara (Flash, Ajax, RSS). Es braucht vor allem schnelle Ladezeiten und ein nutzbares Interface. Und darauf konzentriert sich Google sehr erfolgreich.
  2. Ganz wichtig: Menschen denken und handeln in mentalen Modellen. Mentale Modelle sind die individuellen Abbilder der Wirklichkeit, die Menschen auf Basis ihrer bisherigen Erfahrungen aufbauen. Trifft ein Mensch auf ein neues System, wird er zuerst versuchen, ein bestehendes Modell darauf anzuwenden, dann bei Misserfolg sein Modell soweit anzupassen, dass er das System erklären kann, und erst wenn das auch nicht gelingt, sich eines neues mentales Modell zurechtlegen. Menschen gehen also nicht unvoreingenommen an neue Aufgabenstellungen heran sondern greifen nach Möglichkeit immer auf bewährte Handlungs- und Denkweisen zurück.
  3. Metaphern dienen der Informationsübertragung. Metaphern sind „im übertragenen Sinne“ gemeinte Gedankenkonzepte, d.h. sie übertragen die mit einem Begriff verbunden Erfahrungen und Einstellungen auf einen anderen Begriff. Damit wird der neue Begriff mit allen wesentlichen Eigenschaften des ersten Begriffs assoziiert. Wesentlicher Vorteil des ganzen: wir müssen uns nicht alles neu erarbeiten: Die reine Abbildung eines Taschenrechners auf dem Monitor (eine visuelle Metapher) erlaubt es uns, gelernte Verhaltensweisen zur Taschenrechnerbedienung auch in einem neuen Umfeld (hier: Computer/Monitor/Maus) erfolgreich zur Lösung von Aufgabenstellungen einzusetzen. Metaphern stellen Sachverhalte anschaulich dar.

Der Autor macht das in seinem Theorieteil sehr gut: er stellt den Menschen mit seinen Erfahrungen und seinen erlernten Handlungsweisen in das Zentrum aller konzeptionellen Entscheidungen. Ich finde das einen sehr sinnvollen Gedankengang, weil mein Job als Webdesigner und -developer ist, Kommunikations- und Interaktionsprodukte für Menschen zu erstellen. Erst durch das Wissen um die zu erwartenden Verhaltensweisen meiner Nutzer kann ich Produkte erstellen, die deren Verhaltensweisen antizipieren und einfach deshalb nutzbar sind, weil sie sich durch das Aufgreifen bestehender Erfahrung bereits bei der ersten Nutzung vertraut anfühlen und dem Nutzer damit Sicherheit im Umgang mit dem Produkt geben. Danke für diese sehr interessanten Gedankenanstoß, Herr Arndt!

Update 29.12.: Es gibt auch ein Blog, in der Autor weiter Information zum Thema „Informationsarchitektur“ sammelt: http://informationarchitecture.blogspot.com/